Freies Wort: Rennsteiglauf

Datum: Montag 10. Mai 2010 / Kategorie: Presse

"Ich bin doch wegen der Massage mitgelaufen!"
Oft sind die freiwilligen Helfer ebenso erschöpft wie die Läufer. Doch ohne die Menschen am Rande wäre das Sportereignis nicht zu schaffen.
Von Berit Richter

Schmiedefeld - Petrus ist doch ein Schmiedefelder. Oder ein heimlicher Rennsteigläufer. Wie oft das Organisationsteam um Jörg Brömel in den letzten Tagen zum Himmel geschaut und um das Wetter gebangt hat, kann man nur erahnen. Würde der wegen Himmelfahrt und Pfingsten frühe Termin der 38. Rennsteiglauf-Auflage zum Bumerang werden? Noch Ende April liegt zwischen Beerberg und Schmücke Schnee und Eis. Die Tage vor dem Start erinnern mit Dauerregen und Nebel eher an November denn Mai. "Gestern habe ich noch gebarmt", gesteht Samstagmittag Jürgen Lange, Vorsitzender des GutsMuths-Rennsteiglaufvereins.

Doch als am Morgen die Startschüsse erfolgen, meldet Oberhof neun oder Eisenach zehn Grad. Und die Hauptsache: Es ist trocken. Später im Ziel werden die Läufer berichten: Die Strecken waren in Ordnung und Schnee wurde nicht gesichtet. "Heute hatte zumindest niemand Probleme wegen der Hitze. Dass das für die Läufer besser ist, sieht man auch an den Siegerzeiten, die schneller sind als in den letzten Jahren", sieht Jürgen Lange das Positive am Wetter.

Läufer aus dem Ilmkreis jubeln

Für den Ilmkreis gibt es viel Grund zu jubeln. Juliane Totzke gewinnt den Halb- Alexander Fritsch (beide LSV Lok Arnstadt) den Marathon. Johanna Schreier (SG Motor Arnstadt) als zweite und Marcel Bräutigam (SV Eintracht Frankenhain) als Dritter schaffen es im Marathon ebenfalls aufs Siegerpodest. So erfolgreich waren einheimische Starter lange nicht.

Doch für die meisten der rund 15 000 Starter ist Dabeisein alles und im Ziel ist man dankbar für die vielen fleißigen Hände, die wie jedes Jahr helfen. Im wahrsten Sinne des Wortes mit ihren Händen arbeiten die Schüler der Höheren Berufsfachschule für Physiotherapie Stützerbach. So manche müde Wade wird im Ziel massiert. "Einfach herrlich", findet Reinhold Trautner aus der Nähe von Bamberg die Massage von Heidi Linke und Julia Wasser und scherzt: "Ich bin nur wegen der anschließenden Massage mitgelaufen."

15 Minuten für eine Wade

Auch Schulleiterin Kathrin König legt fleißig mit Hand an. 27 zumeist angehende Physiotherapeuten sind im "Schönsten Ziel der Welt" aktiv. Noch einmal so viele auf den Strecken. "Das wird unterschiedlich angenommen, an manchen Punkten sehr gut, an anderen weniger", erzählt Schulleiterin Kathrin König. Auch sie legt fleißig mit Hand an. Zehn bis 15 Minuten wird eine Wade im Durchschnitt massiert.

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Halbmarathon im Schottenrock: Thomas Schuchhardt aus Gotha ist aufgefallen.
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Doch ganz so lang wie in den Vorjahren sind die Schlangen vor dem Container und dem Massagezelt diesmal nicht. "Bei den kühlen Temperaturen ziehen wohl doch die meisten Läufer schnell etwas an", mutmaßt Kathrin König. Die meisten lenken ihre Schritte erst mal zur Gepäckausgabe. Dort absolvieren Schüler der Regelschule Schmiedefeld ihren ganz eigenen Rennsteiglauf. Gepäck von den Transportern runter heben, zum Platz tragen und sortieren. Ein paar der Helfer haben sich wohl schon verdrückt. Jetzt sind wir noch acht oder neun, heute früh waren wir mehr", erzählt Philipp und wuchtet die nächsten Beutel herunter. Die Zeit drängt, bald kommen die ersten Marathon- und Supermarathonläufer ins Ziel.

Dort greift man erst mal gern zu einem Getränk. "Cola geht besonders gut, wegen dem Zucker", erzählt Isabelle Spindler am Getränkestand. Doch auch Wasser mit und ohne Geschmack oder Grapefruchtsaft hält man bereit. 18 000 Flaschen müssen geöffnet werden. Da wissen die Hände, was sie am Abend gemacht haben. Ob man nicht mal ein Gerät fürs Aufschrauben erfinden könnte?

Maria Spindler ist wohl ein Novum unter den erneut rund 1500 Helfern des Rennsteiglaufes. Sie hat erst mal selber mitgemacht. "Zum fünften Mal beim Juniorcross", erzählt die Zehnjährige stolz. 2800 Meter galt es zurückzulegen, aber "helfen macht noch mehr Spaß" findet sie. Das hat in Familie Spindler Tradition. Mama Isabelle ist seit 35 Jahren dabei und kam einst durch den Opa zum Rennsteiglauf.

Wie für viele der Helfer ist der Tag einfach ein Pflichttermin im positiven Sinne, einer den man immer im Kalender angestrichen hat an dem man bestimmt nicht in den Urlaub fährt. Einer, an dem man von 7 bis 18 Uhr auf den Beinen ist, egal ob es regnet oder die Sonne lacht. "So kalt wie heute war es lange nicht", findet jedenfalls Isabelle Spindler. Der guten Stimmung unter den 23 Helfern vom Schmiedefelder Sportverein, die wie jedes Jahr die Getränkeausgabe an die Läufer im Ziel übernommen haben, tut das keinen Abbruch.

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Rennsteigläufer Reinhold Trautner lässt sich von Heidi Linke und Julia Wasser massieren und scherzt: "Ich bin nur wegen der anschließenden Massage mitgelaufen."
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Auch Thomas Schuchhardt gönnt sich erst einmal einen Schluck. In 2:25 Stunden hat der Gothaer gerade den Halbmarathon hinter sich gebracht - im Schottenrock. "Wenn nicht durch Leistung dann wollte ich wenigstens so auffallen", erklärt er. Der Plan ging auf. So mancher kommentierte die ungewöhnliche Sportkleidung. Aber hat die nicht beim Laufen gestört? "Nein, das ging. Nur am Start war es etwas kühl." Und dann lüftet der Läufer von Chemie Gotha noch kurz den Rock und damit ein Geheimnis. Im Gegensatz zu echten Schotten trägt er nämlich etwas drunter.

Über 4000 Liter Tee gekocht

Tee ist in diesem Jahr besonders gefragt. 4400 Liter hat Heiko Kummer gekocht. "Noch besser geht wohl Glühwein", meint er. Den gibt es an den Verkaufsständen tatsächlich und so wärmt sich mancher nach dem Lauf innerlich. Und wer den Rennsteig bezwungen hat, sein ganz persönlicher Sieger geworden ist, der mag auch eine Erinnerung mitnehmen.

So wir Rudi Seelhoff. "Ich bin zum 29. Mal dabei", erzählt er an der Stempelstelle. Elf mal hat er den Marathon absolviert, heute wird lieber gewandert. "Es war wieder gut und dann die tolle Stimmung hier auf dem Platz", schwärmt der rüstige Senior. Dafür nimmt er auch gern eine lange Anreise in Kauf, denn Rudi Seelhoff kommt aus Greifswald.

Übernachtung in Zelt und Auto

So mancher, der von weiter weg kam, übernachtete im Zelt. Wer den Rennsteig bezwingt, ist schließlich hart im Nehmen, auch in einer kühlen, feuchten Nacht. Arnold Redenyi aus Leipzig hat es sich samt Gattin lieber im Auto gemütlich gemacht und das Zelt nur als Materiallager genutzt. "Früher hatten wir einen Trabant, da ging das nicht", erzählt er. Wie für so viele hat auch für ihn der Rennsteiglauf Tradition. "Wir sind zum elften Mal dabei, achtmal bin ich Marathon gelaufen, dieses Jahr Halbmarathon", erzählt er.

Doch nicht alle schafften es im freitäglichen Dauerregen auf die Parkplätze. Hier, so dankte Jörg Brömel, half die Polizeiinspektion Arnstadt-Ilmenau, besonders Klaus Koch. Andere Abstellmöglichkeiten wurden kurzfristig und unkompliziert eingeräumt, ein Verkehrschaos am nächsten Tag somit vermieden. Manchmal muss man eben doch Petrus ein bisschen nachhelfen.